Autismus-Diagnosen gleichen sich laut Studie bei Männern und Frauen im Erwachsenenalter aus

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Neue Forschungsergebnisse aus Schweden deuten darauf hin, dass bei Jungen im Kindesalter zwar häufiger Autismus diagnostiziert wird, sich diese Lücke jedoch im Erwachsenenalter weitgehend schließt. Dieser Befund wirft Fragen zur Unterdiagnose bei Mädchen und zur Möglichkeit einer verzögerten Versorgung auf. Die im BMJ veröffentlichte Studie verfolgte 2,7 Millionen Menschen, die zwischen 1985 und 2020 geboren wurden, und zeigte einen signifikanten „Aufholeffekt“ mit zunehmendem Alter der Kohorte.

Die frühe Ungleichheit

Seit Jahren zeigen Statistiken von Institutionen wie den US-amerikanischen Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten, dass bei Jungen etwa dreimal häufiger Autismus diagnostiziert wird als bei Mädchen. Theorien zur Erklärung dieses Ungleichgewichts reichen von biologischen Unterschieden in der Gehirnentwicklung bis hin zu genetischen Veranlagungen. Die neue Studie legt jedoch nahe, dass diese frühen Diagnosemuster möglicherweise nicht die tatsächliche Prävalenz von Autismus bei Frauen widerspiegeln.

Der „Aufholeffekt“.

Forscher fanden heraus, dass Jungen in der frühen Kindheit tatsächlich viel häufiger eine Autismusdiagnose erhielten (bis 2022 wurden rund 2,8 % der Kohorte diagnostiziert). Als die Gruppe jedoch erwachsen wurde, verringerte sich diese Ungleichheit deutlich. Im Alter von 20 Jahren wurde bei Frauen fast genauso häufig Autismus diagnostiziert wie bei Männern. Dies deutet darauf hin, dass Mädchen möglicherweise früh im Leben unterdiagnostiziert werden und ihre Erkrankung erst später erkannt wird.

Warum die Verzögerung?

Experten weisen auf mehrere mögliche Gründe für die Diagnoselücke hin. Eine Möglichkeit sind systemische Verzerrungen bei der Beurteilung von Autismus, wobei Ärzten möglicherweise subtile Darstellungen der Erkrankung bei Mädchen entgehen. Ein weiterer Faktor könnte die Maskierung sein, bei der Personen bewusst oder unbewusst autistische Merkmale unterdrücken, um sich in die Gesellschaft einzufügen. Dies kann die Erkennung der Erkrankung verzögern und dazu führen, dass die Betroffenen nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

Folgen einer späten Diagnose

Verspätete oder verpasste Diagnosen haben reale Konsequenzen. Autistische Menschen ohne angemessene Unterstützung haben möglicherweise größere Schwierigkeiten, Zugang zu einer geeigneten Behandlung zu erhalten, und es kann sein, dass in der Zwischenzeit fälschlicherweise andere Erkrankungen wie Angstzustände oder ADHS diagnostiziert werden. Dies kann zu unnötigem Leid führen und ihre Entwicklungsfähigkeit beeinträchtigen.

Ein Schritt zur Korrektur

Die Studie wird von Experten als „gut gemacht“ und „leistungsstark“ beschrieben und basiert auf umfangreichen und zuverlässigen Daten. Die Forscher hoffen, dass die Ergebnisse zu genaueren Diagnosen, insbesondere für Frauen, führen werden. Wie Professorin Gina Rippon es ausdrückt: Wenn diese Studie mehr Aufmerksamkeit auf die Unterdiagnose autistischer Frauen lenkt, wäre das allein schon ein bedeutender Fortschritt.

Die langfristige Datenerhebung und die große Stichprobengröße der Studie machen ihre Schlussfolgerungen äußerst glaubwürdig und legen nahe, dass die Diagnosepraktiken dringend neu bewertet und eine gleichberechtigte Versorgung aller autistischen Personen sichergestellt werden muss.

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