Seit über einem Jahrhundert verzeichnet das menschliche Haar stillschweigend einen dramatischen Rückgang der Bleibelastung, einem giftigen Metall, das mit schwerwiegenden Gesundheitsproblemen verbunden ist. Eine neue Studie, die in den Proceedings of the National Academy of Sciences USA veröffentlicht wurde, analysierte Haarproben aus dem Jahr 1916 und ergab, dass der Bleigehalt seit den 1960er Jahren um einen Faktor von über 100 gesunken ist. Hier geht es nicht nur um Haarpflege – es ist eine Geschichte über die Wirksamkeit der Umweltpolitik und die Fragilität des Fortschritts.
Das unerwartete Archiv: Haare als historische Aufzeichnung
Wissenschaftler um Ken Smith von der University of Utah entdeckten, dass Haare als überraschend genaues historisches Archiv fungieren. Über Jahrzehnte gesammelte und konservierte Stränge enthalten Spuren von aus der Umwelt aufgenommenen Chemikalien, darunter Blei. Bei dieser Forschung geht es nicht um Eitelkeit – es geht darum, übersehenes biologisches Material zu verwenden, um Umweltveränderungen zu verfolgen.
Die Studie konzentrierte sich auf Proben aus der Gegend von Salt Lake City und analysierte den Bleigehalt sowohl im Haarschaft als auch in seiner äußeren Schicht (Kutikula). Die Unterscheidung ist wichtig: Blei in der Nagelhaut weist auf eine Kontamination aus der Luft hin, während Blei im Haar auf eine Belastung durch Nahrung oder Wasser hindeutet. Der Trend ist klar: Die höchste Bleiexposition wurde in den 1960er Jahren erreicht, wobei die Werte 120-mal höher waren als in Proben aus den Jahren 2020–2024.
Der Wendepunkt: Umweltvorschriften
Der starke Rückgang der Bleibelastung fällt mit der Gründung der Environmental Protection Agency (EPA) im Jahr 1970 und der Verabschiedung wegweisender Umweltgesetze wie der Clean Air und Clean Water Acts zusammen. Das war kein Zufall. In der Studie wird auch darauf hingewiesen, dass in diesem Zeitraum zwei Bleischmelzanlagen in Salt Lake City geschlossen wurden, was einen weiteren Faktor zur Verbesserung darstellt.
„Ich denke, es ist eine Art Showstopper, der die Kraft des Umweltschutzes zeigt“, sagt Ken Smith.
Die Forschung zeigt, dass selbst kleine Studien klare Trends aufzeigen können, was die Vorstellung, dass nur große Datensätze aussagekräftig sind, in Frage stellt. Mit der herkömmlichen Blutprobenanalyse, die sich erst im späten 20. Jahrhundert verbreitete, konnten Forscher die Bleiexposition weiter in die Vergangenheit zurückverfolgen, als dies bisher möglich war.
Warum das wichtig ist: Auswirkungen auf Gesundheit und Politik
Der Rückgang der Bleibelastung ist eine große Erfolgsgeschichte für die öffentliche Gesundheit. Blei ist ein starkes Gift mit lebenslangen Folgen: kognitive Beeinträchtigungen und Lernschwierigkeiten bei Kindern sowie Nieren-/Herz-Kreislauf-Probleme bei Erwachsenen. Auch heute noch bleiben einige Amerikaner gefährdet, was die anhaltende Notwendigkeit der Wachsamkeit unterstreicht.
Die Studie ist eine deutliche Erinnerung daran, dass Umweltgewinne nicht von Dauer sind. Jede Rücknahme der Umweltverschmutzungspolitik könnte jahrzehntelange Fortschritte zunichte machen. Die Umweltepidemiologin Katarzyna Kordas warnt: „Wir dürfen unsere Wachsamkeit nicht im Stich lassen und sagen: ‚Das ist ein gelöstes Problem‘.“
Die wichtigste Erkenntnis? Wirksame Umweltvorschriften funktionieren, und ihre Einhaltung ist für den Schutz der öffentlichen Gesundheit von entscheidender Bedeutung. Die Vergangenheit bleibt in unseren Haaren erhalten – ein stilles Zeugnis sowohl des Fortschritts als auch der allgegenwärtigen Gefahr des Rückfalls.

















